Zwischen Liebe und Bindungsangst
„Die Fremdenführerin“ von Botho Strauß hatte im Theater Ensemble Premiere
Manfred Kunz, MAIN POST, 12. Dez. 2009, www.mainpost.de
Der Widerstreit zwischen Emotionalität und Rationalität, zwischen dem weiblichen und dem männlichen Blick auf das Zusammensein der Geschlechter ist Thema des Zweiakters „Die Fremdenführerin“. Theaterleiter Norbert Bertheau hat den gut 20 Jahre alten Text von Botho Strauß in seinem Würzburger Theater Ensemble auf die Bühne gebracht.
Wie entsteht die Liebe zwischen zwei Menschen, welche Bahnen kann sie nehmen und wie verschwindet sie? Warum haben die Menschen der modernen Kommunikationsgesellschaft so viele Schwierigkeiten mit ihr? Diese Fragen treiben Botho Strauss in fast allen seinen Stücken um. War er damit in den Achtzigern der meistgespielte deutsche Theaterautor – er galt auch als der bedeutendste –, ist es im letzten Jahrzehnt deutlich stiller um ihn geworden. Vielleicht zu Unrecht, nimmt man Bertheaus Inszenierung zum Maßstab, die mit Einfühlungsvermögen die Zeitlosigkeit der Thematik herausarbeitet.
Die Regie hält sich eng an die Vorlage und hat mit Sabrina Kohl und Michael Völkl ideale Darsteller für das Zwei-Personen-Stück gefunden. Mit geradezu beiläufiger Selbstverständlichkeit gibt Völkl den Pädagogen Martin. Der Mittvierziger will im Griechenland-Urlaub auf den Spuren antiker Mythen seine intellektuelle und sexuelle Midlife-Crisis überwinden. Nicht nur wegen ihrer unkomplizierten Natürlichkeit ist Sabrina Kohl die passende Gegenspielerin und Titelfigur, die 20 Jahre jüngere Fremdenführerin. Sie ist geradeheraus, unverblümt und unglücklich in einen alkoholkranken Archäologen verliebt, lebt im Augenblick und scheint trotz (oder gerade wegen?) ihrer Jugendlichkeit vertrauter mit den Abgründen der Liebe.
Dagegen versucht der Lehrer der Komplexität des Phänomens Liebe mit Lebenserfahrung und einer mitunter geradezu grotesk wirkenden Vernünftigkeit beizukommen. Daraus entwickelt sich eine für den Zuschauer spannende Geschichte der gegenseitigen Anziehung und Abstoßung, der unerfüllten Sehnsucht nach Verschmelzung bei gleichzeitiger Angst vor Verbindlichkeiten.
Dieses Dilemma arbeitet Bertheaus Interpretation heraus: Sie lässt den Darstellern viel Zeit, hält immer wieder für Momente inne und legt den Fokus auf die inneren Konflikte von Kristine und Martin. Und zeigt so, dass der Kampf zwischen Logos und Eros nicht zwischen männlich und weiblich, sondern innerhalb jedes Einzelnen stattfindet. Mit offenem Ausgang – von den Mythen der Antike bis in unsere übersexualisierte Gegenwart.
Emotional „extra dry“
Norberth Bertheau inszeniert „Die Fremdenführerin“ im theater ensemble Würzburg
Pat Christ, Leporello Kulturmagazin, Dez. 2009
Erst bombadiert sie ihn mit Informationen, deren er, ein Lehrer, keiner einzigen bedürfte; hernach mit Zumutungen. Sie schläft mit ihm. Und beichtet hinterher, dass sie in einen anderen verliebt ist. Sie schleppt diesen anderen an. Bettet ihn, das ewig betrunkene Genie, vor das marmorne Luxusferienapartment des Lehrers. Will, dass der ihn in seinem Bett schlafen lässt.
Nach außen hin unschuldig, unbedarft, emotional hingegen „extra dry“, gibt Sabrina Kohl die Fremdenführerin in Botho Strauß’ gleichnamigen Zweiakter. Eine schillernde Figur ist diese Frauengestalt. Egozentrisch. Nie um eine Antwort verlegen. Raffiniert. Dass ein reflektierter Lehrer auf diese Fleisch gewordene Wankelmütigkeit hineinfällt, sorgt seit der Uraufführung des Dramas 1986 für Kontroversen. Als „Beziehungs- Schatulle“ schalt Helmut Karasek die Inszenierung von Luc Bondy. „Zaghaften, ratlosen Beifall“ registrierte Rolf Michaelis.
Norbert Bertheau adaptiert das Stück stark angelehnt an Strauß’ Vorlage für die Off-Bühne des theater ensemble Würzburg. Panflöte und Walgesang sorgen für jene geheimnisvollmythische Atmosphäre, in welche der Machtkampf der beiden ungleichen Protagonisten eingebettet ist. Ansonsten verlässt sich der Regisseur ganz auf die emotionale Ausdrucksstärke von Sabrina Kohl und Michael Völkl.
Dessen Lehrer wird zunehmend händelsüchtig in der Hirtenhütte fernab der Menschen, in der er den Liebesbund zwischen sich und seiner Kinderbraut zu schließen hoffte. Wie er sich irrte. Wie er dafür büßen muss. pat
