Hotel zu den zwei Welten
von Éric-Emmanuel Schmitt
Der 40-jährige Sportjournalist (und Frauenheld) Julien findet sich unversehens unter Fremden in einem Hotel. Verwirrt erkennt er, dass er sich wie die anderen Gäste in einem Stadium zwischen Leben und Tod befindet: Während ihre Körper in den Händen der irdischen Ärzte sind, in einem chirurgisch betreuten Koma, müssen sich die Wartenden im "Hotel zu den zwei Welten" den Fragen nach ihrem bisherigen Leben stellen.
In der Gleichheit vor dem jederzeit möglichen endgültigen Tod fallen alle irdischen Privilegien ab. Julien schockt die Einsicht, dass er im Trakt der "Freiwilligen" untergebracht ist: sein exzessiver Alkoholismus wird als lange geplanter Selbstmord gewertet. Wie er zynisch und angstvoll am Leben vorbeigelebt hat, erfährt er im Gespräch mit anderen Wartenden: dem Magier, der vom Verkauf von Hoffnungen lebte, um sich über eigenes Versagen zu bringen; mit der Putzfrau, die von Untätigkeit nur in Angst gestürzt wurde; dem Präsidenten mit seinen hohlen Überzeugungen. Und mit Laura, die schon zum zweiten Mal im Hotel ist, glücklich über die Befreiung von ihrer angeborenen Krankheit, die sie fremdes Begehren nicht hat erleben lassen.
Medienecho
Eva Werner, Main-Post Würzburg, 13. Dezember 2008
In einer Welt zwischen Leben und Tod
Wenn man zwischen Leben und Tod schwebt – was passiert da eigentlich? Passiert überhaupt was? Eric-Emmanuel Schmitt, französischer Autor und Philosoph, hat da seine so seine Ideen und aus ihnen das wort- und kopflastige „Hotel zu den zwei Welten“ gebaut, zu betreten ab sofort im Würzburger Theater Ensemble.
Unvermittelt findet sich Julien (Michael Völkl) in einer Hotellobby wieder. Durch die Schilderungen der anderen Hotelgäste begreift er, was ihnen allen widerfahren ist. Die herrische Präsidentin (Ursula Hoede) wurde überfahren. Putzfrau Minna (Franziska Wirth) hat sich ihr Herz kaputt gearbeitet. Magier Marcel fiel ins Zucker-Koma und Julien selbst hat sich volltrunken mit seinem Wagen um eine Platane gewickelt. Jetzt liegen die drei also im Koma, Überleben ungewiss. Die geheimnisvolle Dr. S. (Marina Gebert) berichtet den Wartenden über ihren aktuellen Gesundheitszustand, bleibt dabei spröde, doch nur scheinbar ungerührt.
Das zeigt sich, als Laura (Annette Rosenberger) den Lift verläßt. Im Leben sterbenskrank, ist sie in der Zwischenwelt ein optimistisches, fröhliches Mädchen. Und Dr. S. bricht, um Lauras Leben zu retten, alle Regeln.
Norbert Bertheau inszenierte das Kammerstück kompakt, flüssig und auch komisch, wie etwa bei den zündenden Rededuellen zwischen Ursula Hoede als versnobter Präsidentin und Harald Brumberg als leicht abgedrehtem Magier. Michael Völkl wirkt manchmal etwas verloren als Julien, hat allerdings auch den Kraftakt zu bewältigen, neben ausufernden Dialogen auch noch die Wandlung seiner Figur vom Zyniker zum emotional gereiften Gutmenschen zu verkörpern. Souverän verleiht Marina Gebert Dr. S. korrekte Strenge, gleichzeitig Mitgefühl. Annette Rosenberger spielt die Laura leichtfüßig und charmant. Besonders aber überzeugt Franziska Wirth als Minna mit fränkischem Zungenschlag und viel Natürlichkeit.
Zentraler Blickfang im gelungenen Hotel-Bühnenbild von Uly Truchseß und Norbert Bertheau ist der höchst funktionsfähig wirkende Fahrstuhl, mit dem die Komapatienten an- und abreisen.
