Andorra
von Max Frisch
Der Plot: Der junge Mann Andri wird von den Andorranern für einen Juden gehalten und mit entsprechenden Vorurteilen belegt gehänselt, gedemütigt, verfolgt. Frisch notiert im Tagebuch: „Im gewissen Grad sind wir wirklich das Wesen, das die anderen in uns hineinsehen, Freunde wie Feinde. Und umgekehrt! Auch wir sind die Verfasser der anderen: wir sind auf heimliche und unentrinnbare Weise verantwortlich für das Gesicht, das sie uns zeigen, verantwortlich nicht für ihre Anlage, aber für die Ausschöpfung dieser Anlage…Wir halten uns für den Spiegel und ahnen nur selten. Wie sehr der andere seinerseits eben der Spiegel unseres erstarrten Menschenbildes ist, unser Erzeugnis, unser Opfer.“

Das Andorra dieses Stückes hat nichts zu tun mit dem wirklichen Kleinstaat dieses Namens. Gemeint ist auch nicht ein anderer wirklicher Kleinstaat; Andorra ist der Name für ein Modell. Das Stück basiert auf der Fabel Der andorranische Jude, die Frisch als Prosaskizze im Tagebuch 1946-1949 veröffentlicht hat. Die Arbeit am Stück wurde 1958 begonnen, im Herbst 1960 wieder aufgenommen und 1961 abgeschlossen. Die Uraufführung von Kurt Hirschfeld war am 2. November 1961 am Schauspielhaus Zürich. Frisch hat die Probenarbeit intensiv begleitet und Änderungen und Anmerkungen im Textbuch gemacht, die wir bei dieser Inszenierung berücksichtigt haben.
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„Damit Andri kein Opfer bleibe, sondern Subjekt werden kann, begibt er sich auf die verzweifelte Suche nach der Identität mit sich selbst. Er will Tischler werden, mit Barblin fliehen in eine andere Welt, hat Sehnsüchte, Fiktionen – was wird daraus in einer Welt, die so beschaffen ist wie die heutige?
Der Vater, der nicht zuzugeben wagt, dass er ein uneheliches Kind von „drüben“ hat, gibt den Andorranern gegenüber Andri als Judenkind aus, das er an Vaters Statt angenommen habe. Solange es opportun ist, Juden Gutes zu tun, kann er damit Mut und Wohltätigkeit heucheln. Aber bald ist es wieder soweit. Der Haß gedeiht, man braucht einen Juden, in den sich alle Eigenschaften investieren lassen, vor denen die Gesellschaft, um in Selbstgerechtigkeit zu leben, ihren Abscheu bekunden kann. Und da man in Andri einen Juden sieht, findet man ihn auch in ihm. Er ist klug, er hat kein Gefühl, er ist feig, denn er ist ein Jud. Er denkt alleweil ans Geld. Er hat kein Vaterland, kein Gemüt, sondern Angst, denn er ist ein Jud. Andri, der das Bild von sich nicht annehmen will, das die anderen entwerfen, wird vom Pater ermahnt, sich zu sich selbst zu bekennen. Und so wird er allmählich der, den die anderen in ihm sehen, Er erwägt, ob es sein könne, dass ihr Urteil zutrifft, und da er es erwägt, trifft es schon zu, immer deutlicher, bis Andri glaubt, mit ihm identisch zu sein.“ (Hellmut Krapp in Spektakulum)
Rezensionen
Opfer der Lebenslüge
Manfred Kunz für MAIN POST, 21. März 2010 – Fast 50 Jahre sind seit der Uraufführung des Stücks „Andorra“ vergangen. In einer Inszenierung von Theaterleiter Norbert Bertheau befragt das Würzburger Theater Ensemble Max Frischs Parabel auf ihre Gegenwartstauglichkeit – mit durchaus widersprüchlichen Ergebnissen. Denn auf einen wirklich neuen Zugriff, auf eine Idee, die dem Text neue Aspekte abgewinnt, wartet der Zuschauer vergeblich. Bertheau arbeitet eng am Text, das 13-köpfige Ensemble müht sich redlich, den Spannungsbogen über die zwölf Bilder hinweg aufrecht zu erhalten. Auch wenn das nicht allen Darstellern und nicht in jeder Szene gelingt, geht von der Geschichte um den jungen Andri immer noch ein faszinierender Sog aus.
Ist er nicht, wie viele auch heute, auf der Suche nach seiner Identität? Andri wird dabei zum Objekt von Lebenslügen seines Vaters (Herbert Hausmann), zur Zielscheibe von Vorurteilen, letztlich zur Inkarnation des Anderen, zum Juden. Andri (eine Entdeckung: Julian Wich) wird so lange belächelt, gehänselt, gedemütigt, ausgeschlossen und verfolgt, bis er die ihm zugewiesene Rolle des Außenseiters annimmt.
In einer von Mitläufern geprägten Umgebung nimmt die Katastrophe ihren Lauf bis zum düsteren Ende, das auch Andris Geliebte und Halbschwester Barblin (souverän: Sabrina Kohl) nicht aufhalten kann. Der Außenseiter wird mit Gewalt eliminiert, die Homogenität der Gemeinschaft ist wiederhergestellt. Das Leben kann – scheinbar unverändert – weitergehen. Mit der Sichtbarmachung dieser zu allen Zeiten wirksamen Mechanismen leistet das Theater einen Beitrag zur Erinnerungskultur.
Inhärente Zerstörungskraft
Pat Christ für das Leporello Kulturmagazin, März 2010 – Wer die ganze Zeit hört, wie er „ist“ - wird der nicht zwangsläufig irgendwann so, wie andere sagen, dass er wäre? Bei Andri aus „Andorra“ von Max Frisch zumindest ist dies so. Unablässig hageln Vorurteile auf ihn ein. Ein Jude sei er, der Pflegesohn des Lehrers, sagen sie. Ein feiger, geldgieriger Jude. Andri gerät ins Grübeln. Stimmt nicht am Ende, was sie ihm vorwerfen? Warum sonst sollten sie ihn ablehnen? Warum sonst darf er Barblin nicht haben? Für das „theater ensemble“ Würzburg ist das 1961 uraufgeführte Drama, das am 16. März unter der Regie von Norbert Bertheau in Würzburg Premiere feiert, ungebrochen aktuell. Inmitten einer vollkommenen Normalität, wie sie in Andorra vorzufinden ist, blühen jene Destruktivismen, die Menschen gnadenlos zerstören können. Wie opportunistisch sie am Ende alle sind, die sich für ach so gut halten! Wie rar Zivilcourage gestreut ist in diesem geweißelten Land! Überall wuchern Lebenslügen, nicht zuletzt im Haus des Lehrers, und reißen mit sich ins Verderben, was zum Überleben so dringend auf Wahrheit angewiesen wäre. Einzig Barblin (Sabrina Kohl), Tochter des Lehrers und Stiefschwester Andris (Julian Wich), sucht den Andorranern ins Gewissen zu reden, doch niemand hört auf sie. Sie allein lässt sich nicht infizieren mit dem Vorurteilsvirus, sie allein glaubt ihrem Gefühl und nicht dem, was das Umfeld ihr suggeriert. Doch die Katastrophe kann auch sie nicht verhindern. „Andorra“ legt jene Mechanismen bloß, denen zufolge Menschen mit einem Mal beginnen, sich gegenseitig aufzuwiegeln. Sie funktionieren zu jeder Zeit - weshalb das Ensemble Recht hat: Frischs Drama bleibt ungebrochen aktuell.
Kommentare
Wolfgang schreibt am 08.03.2010 um 10:48 Uhr
Ich bin gespannt, wie Sie dieses tolle Stück von Max Frisch inszenieren werden!
Peter Engelhard schreibt am 28.04.2010 um 18:36 Uhr
Danke für den spannenden Abend! Vor den Leistungen Ihrer Schauspieler ziehe ich meinen Hut - wirklich ganz toll!




